Seite 7 Muster Kleine Änderungen noch möglich. Ein Service public, der Milliarden an Gebühren erhält, darf nicht nur eine Linie abbilden – weder die politische noch die wissenschaft- liche Mehrheitsmeinung. Einschätzungen systematisch ausge- blendet werden, entsteht keine freie Mei- nungsbildung, sondern eine gelenkte Deutung dessen, was als „wissenschaft- lich gesichert“ oder „politisch alternativ- los“ gilt. Eine solche Konstellation lädt – unabhängig von konkreten Absichten – dazu ein, politische Zielsetzungen über mediale Gewichtung in die Gesellschaft zu tragen. Die Aufgabe eines Service public wäre es jedoch gewesen, genau dieser Ge- fahr entgegenzu- wirken: Unsicher- heiten sichtbar zu machen, unter- schiedliche Ein- schätzungen ein- zuordnen und einen offenen Diskurs zu ermöglichen. Wenn dies selbst nach einer formellen Ombudsrüge nicht geschieht, stellt sich unweigerlich die Frage nach der demokratischen Legitimation eines Medi- ensystems, das mit erheblicher finanziel- ler und publizistischer Macht ausgestat- tet ist. Seine Aufgabe wäre es gewesen, Unsicherheiten sichtbar zu machen, un- terschiedliche Einschätzungen einzuord- nen und den offenen Diskurs zu fördern. Die Parallelen zu anderen Themenfeldern sind offensichtlich. Wie bei der Ukraine- Berichterstattung und der E-ID-Abstim- mung zeigt sich auch bei den RKI-Files ein wiederkehrendes Muster: Offizielle Narrative dominieren, kritische Dokumen- te und abweichende Perspektiven werden spät, zurückhaltend oder gar nicht aufge- arbeitet. Genau deshalb ist es legitim – und notwendig –, die Höhe der Gebühren zu hinterfragen. dieser Rüge keine umfassende Nachbe- reitung stattfand. Die SRG hätte die Gele- genheit gehabt, zentrale Fragen verständ- lich zu erklären: Wie stark war der politi- sche Einfluss auf wissenschaftliche Emp- fehlungen? Wo gab es innerhalb der Fach- gremien Zweifel? Welche Alternativen wurden diskutiert – und welche nicht? Diese Aufarbeitung blieb jedoch weitge- hend aus. Die Chance, durch Transpa- renz Vertrauen zurückzugewinnen, wur- de nicht genutzt. Besonders auffällig ist zudem, dass die wis- senschaftliche Debatte zur mRNA-Impfung selbst kaum differen- ziert dargestellt wurde. Obwohl es in der Wis- senschaft durchaus unterschiedliche Ein- schätzungen zu Nutzen, Risiken, Lang- zeitfolgen und Zielgruppen der mRNA- Impfstoffe gibt, fanden diese Positionen im öffentlich-rechtlichen Journalismus nur begrenzt Platz. Stattdessen wurde die Impfung über weite Strecken als weitge- hend unumstrittene Lösung präsentiert, während vorsichtige, abwägende oder kri- tische wissenschaftliche Stimmen margi- nalisiert oder gar nicht thematisiert wur- den. Teurer Service public – billige Aufklärung! Corona-Pandemie, die RKI- Files und eine verpasste Chan- ce zur Vertrauensbildung Die sogenannten RKI-Files hätten hierfür eine zentrale Rolle spielen müssen. Die freigegebenen Protokolle des renomier- ten deutschen Robert Koch-Instituts zeig- ten, dass politische Vorgaben und Erwar- tungen die wissenschaftlichen Einschät- zungen während der Corona-Pandemie stärker beeinflussten, als der Öffentlich- keit lange vermittelt wurde. Entscheidun- gen, die als rein wissenschaftlich begrün- det dargestellt wurden, standen in Wirk- lichkeit oft unter politischem Druck. In einfacher Sprache bedeutet das: Politik und Wissenschaft waren nicht klar ge- trennt. Wissenschaftliche Einschätzun- gen wurden teilweise an politische Ziele angepasst, statt umgekehrt politische Entscheidungen offen an wissenschaft- liche Erkenntnisse zu knüpfen. Genau diese Erkenntnis wäre für die Bevölkerung zentral gewesen, um Massnahmen, Ein- schränkungen und staatliches Handeln rückblickend einordnen zu können. Trotz der hohen gesellschaftlichen Relevanz blieb eine eigen- ständige, vertiefte journalistische Auf- arbeitung der RKI- Files durch die SRG aus. nach Beanstandungen stellte die Ombudsstelle fest, dass die Be- richterstattung unzureichend gewesen sei, und rügte die SRG offiziell. Umso schwerer wiegt, dass auch nach Erst Vom Volk teuer finanziert, von der Ombudsstelle gerügt – und dennoch ohne umfassende Aufklärung geblie- ben. Gerade hier zeigt sich ein zentra- les strukturelles Problem: Ein ge- bührenfinanzier- tes Medienhaus mit grosser Reichweite prägt nicht nur In- formation, sondern auch gesellschaftli- che Wahrnehmung. Wenn Unsicherhei- ten, offene Fragen und unterschiedliche Ein Service public, der diese Span- nungsfelder nicht offen darstellt, sondern sich faktisch an einer do- minanten politischen Linie orien- tiert, verfehlt seinen Anspruch als kritisches Korrektiv. Gerade weil die SRG aus Gebühren finan- ziert wird, darf sie nicht zur Verstärkerin ei- nes einzigen Narrativs werden. Ihr Auftrag wäre es, unterschiedliche Sichtweisen sichtbar zu machen, Unsi- cherheiten offen zu benennen und den po- litischen Diskurs zu öffnen – nicht ihn zu verengen. Wenn ein gebührenfinanzierter Sender bei einem derart folgenreichen Konflikt kaum mehr Perspektiven bietet als die grossen Medienhäuser des Landes, stellt sich er- neut die Frage nach der Verhältnismässig- keit seiner Finanzierung. Weniger Gebühren bedeuten nicht weni- ger Information – sondern die Chance, weg von der Gefahr der Einseitigkeit zu mehr Vielfalt, mehr kritische Distanz und mehr demokratische Offenheit. Genau deshalb sind 200 Franken genug. FAZIT: Diese Abstimmung und die Frage der Medienfinanzierung folgen demsel- ben Prinzip: Selbstbestimmung braucht Alternativen. Wer nur digital bezahlen kann, ist abhängig. Wer seine Information nur aus einer dominanten Quelle bezieht, ebenso. Bargeld schützt die freie Wahl beim Bezahlen, Medienvielfalt die freie Meinungsbildung. begrenzt Macht, verhindert Zwangssysteme und stärkt Demokratie. Darum gehören Bar- geld und Medienvielfalt zusammen – als Entscheidung für Freiheit, nicht für Kon- trolle. Beides von Richard Koller Informatiker, Politiker, Autor & Musikproduzent